Seit Jahrhunderten werden Aufstieg und Fall von Zivilisationen auf Kriege, politische Veränderungen oder Umweltkatastrophen zurückgeführt. Eine neue Studie zeigt jedoch, dass ein altes peruanisches Königreich dank einer überraschenden Ressource florierte: Seevogelkot oder Guano. Die chemische Analyse antiker Maiskolben bestätigt, dass das Chincha-Königreich, das vor etwa 900 Jahren blühte, Nutzpflanzen gezielt mit dieser nährstoffreichen Substanz düngte, was ihnen einen Wettbewerbsvorteil verschaffte, der letztendlich ihre Eroberung durch die Inkas beeinflusste.
Die Kraft des Vogelkots
Das Chincha-Königreich kontrollierte zwischen 1000 und 1400 n. Chr. eines der produktivsten Küstentäler Perus. Ihr Erfolg war nicht nur geografisch bedingt; es war chemisch. Die nahe gelegenen Chincha-Inseln beherbergten riesige Kolonien von Seevögeln – Pelikane, Tölpel und Kormorane – deren Exkremente, Federn und Kadaver einen wirksamen Dünger bildeten. Beim Zugang zu Guano ging es nicht nur um die Landwirtschaft; Es war eine Machtquelle. Jacob Bongers von der Universität Sydney erklärt: „Der privilegierte Zugang zu einer entscheidenden Ressource ist ein Weg zur Macht – den das Chincha-Königreich in diesem Fall hatte, die Inka jedoch nicht.“
Wissenschaftliche Beweise für die Verwendung von Guano
Historiker vermuteten jahrelang, dass das Chincha-Königreich Guano ausbeutete, doch archäologische Beweise blieben schwer zu finden. Die neue Studie ändert das. Forscher analysierten 35 alte Maiskolben aus Chincha-Gräbern und maßen die Kohlenstoff- und Stickstoffisotopenverhältnisse. Die Ergebnisse waren eindeutig: Viele der Maiskolben wiesen Stickstoffisotopenwerte auf, die höher waren, als der natürliche Boden produzieren konnte, ein eindeutiges Zeichen für Guano-Düngung.
Um eine Basislinie zu ermitteln, analysierten sie auch Kollagen aus alten Seevogelknochen in der Region und bestätigten, dass die Vögel selbst ungewöhnlich hohe Stickstoff-15-Werte aufwiesen. Die Daten deuten darauf hin, dass das Chincha-Volk Guano bereits im Jahr 1250 n. Chr., also lange vor der Machtübernahme der Inka, aktiv nutzte.
Warum Guano wichtig war
Später kontrollierten die Inkas die Guanoproduktion unter strenger staatlicher Aufsicht und strengen Strafen für die Schädigung der Vögel. Allerdings hatte der Chincha den First-Mover-Vorteil. Der wirtschaftliche Erfolg des Königreichs hing wahrscheinlich von dieser Ressource ab, wobei Seevogelbilder auf zeremoniellen Gegenständen, Textilien und Architektur darauf hindeuteten, dass die Vögel eine kulturelle Bedeutung hatten.
Der peruanische Guano war aufgrund der begrenzten Niederschläge in der Region besonders wirksam, wodurch der Stickstoffgehalt erhalten blieb. Wie Dan Sandweiss von der University of Maine feststellt, war die Ernte von Guano ein bedeutendes Unterfangen, „aber das macht man für hochwertige Dinge!“ Die Kontrolle der Chincha über diese Ressource steigerte nicht nur ihren Wohlstand, sondern verschaffte ihnen auch Einfluss bei Verhandlungen mit dem expandierenden Inka-Reich.
Diese Forschung unterstreicht einen entscheidenden Punkt: Manchmal können die unerwartetsten Ressourcen den Lauf der Geschichte beeinflussen. Die Geschichte des Chincha-Königreichs beweist, dass selbst Vogelkot in den Händen derjenigen, die ihn auszunutzen wissen, ein mächtiges Werkzeug sein kann.
