Eine neue Generation von Bluttests verspricht, die Krebsvorsorge zu revolutionieren und möglicherweise mehrere Formen der Krankheit in früheren, besser behandelbaren Stadien zu erkennen. Forscher in Harvard haben die langfristigen Auswirkungen der Implementierung dieser Tests in die routinemäßige medizinische Versorgung modelliert, und die Ergebnisse deuten auf eine dramatische Verschiebung der Zeitpläne für die Krebserkennung hin.
Das Problem der Spätdiagnose
Derzeit wird etwa die Hälfte aller Krebsfälle in den USA diagnostiziert, wenn die Krankheit bereits fortgeschritten ist. Diese späte Diagnose führt dazu, dass die Behandlung oft weniger wirksam ist und die Überlebensraten sinken. Bestehende Routineuntersuchungen decken nur vier Krebsarten ab: Brustkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Darmkrebs und Lungenkrebs. Dies führt dazu, dass etwa 70 % der neuen Krebsfälle keine spezielle Screening-Methode haben, was zu einer verzögerten Erkennung führt, bis Symptome auftreten – zu diesem Zeitpunkt kann sich der Krebs bereits ausgebreitet haben.
Wie Multi-Krebs-Bluttests funktionieren
Diese Tests analysieren Blutproben auf Proteine und DNA-Fragmente, die von Krebszellen freigesetzt werden. Fortschrittliche Algorithmen für maschinelles Lernen identifizieren Muster, die auf Krebs hinweisen, und bestimmen sogar mögliche Lokalisationen und Schweregrade. Während zur Bestätigung der Ergebnisse immer weitere Tests erforderlich sind, bieten diese Bluttests ein Frühwarnsystem, das für die Verbesserung der Patientenergebnisse von entscheidender Bedeutung sein könnte.
Simulationsergebnisse: Eine Reduzierung der Spätdiagnosen um 45 %
Harvard-Forscher simulierten die Auswirkungen jährlicher Bluttests auf mehrere Krebsarten an einer Kohorte von fünf Millionen Erwachsenen im Alter von 50 bis 84 Jahren. Über einen Zeitraum von zehn Jahren prognostizierte das Modell einen Rückgang der Diagnosen im Spätstadium (Stadium IV) um 45 % sowie einen erheblichen Anstieg der Früherkennung:
- 10 % mehr Diagnosen im Stadium I
- 20 % Anstieg der Diagnosen im Stadium II
- 30 % Anstieg der Diagnosen im Stadium III
Die größten Auswirkungen wurden für aggressive Krebsarten mit historisch niedrigen Überlebensraten prognostiziert: Lungen-, Darm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Selbst bei nur 50 % Patientencompliance zeigte das Modell immer noch eine 24 %ige Reduzierung fortgeschrittener Diagnosen.
Die Zukunft der Krebsvorsorge
Während einige Bluttests für mehrere Krebsarten im Handel erhältlich sind, hat noch keiner die FDA-Zulassung erhalten. Die größte Hürde besteht darin, nachzuweisen, dass die Vorteile die Kosten und logistischen Herausforderungen einer umfassenden Implementierung überwiegen. Diese Simulationsergebnisse liefern jedoch starke Beweise dafür, dass eine Früherkennung durch Blutuntersuchungen die Krebslast deutlich reduzieren könnte.
„Multi-Krebs-Bluttests haben das Potenzial, Krebsdiagnosen im Spätstadium erheblich zu reduzieren, die Ergebnisse bei mehreren Krebsarten zu verbessern und eine kritische Lücke im Screening zu schließen“, sagt Jagpreet Chhatwal, Hauptautor der Studie.
Die Forscher konzentrieren sich nun darauf, potenziell gerettete Leben zu quantifizieren, die wirtschaftlichen Auswirkungen abzuschätzen und herauszufinden, welche Bevölkerungsgruppen am meisten von diesem neuen Screening-Ansatz profitieren würden. Das Ziel besteht nicht darin, bestehende Methoden zu ersetzen, sondern eine weitere Verteidigungsebene gegen eine Krankheit hinzuzufügen, die weiterhin jedes Jahr Millionen von Menschenleben fordert.
