Während Bewegung traditionell als Eckpfeiler der Gesundheit angesehen wird, deutet eine wachsende Debatte unter Wissenschaftlern darauf hin, dass der Standardratschlag, „aktiv zu bleiben“, für Millionen von Menschen, die mit Long-COVID leben, tatsächlich mehr schaden als nützen könnte.
Während Forscher nach Behandlungsmöglichkeiten für diese komplexe, unheilbare Erkrankung suchen, ist ein Spannungsverhältnis entstanden zwischen Studien, die darauf hindeuten, dass Bewegung die Genesung fördert, und neuen Erkenntnissen, dass sie bei bestimmten Patienten zu schweren Rückschlägen führen kann.
Das Versprechen des Widerstandstrainings
Um sofortige, kostengünstige Interventionen zu finden, haben Forscher nach Änderungen des Lebensstils gesucht. In einer prominenten Studie unter der Leitung von Colin Berry an der Universität Glasgow (2021–2024) wurde ein dreimonatiges Krafttrainingsprogramm an Long-COVID-Patienten getestet.
Die Studie ergab, dass die Teilnehmer der Übungsgruppe während eines zeitgesteuerten Tests im Vergleich zu einer Kontrollgruppe größere Verbesserungen bei der Gehstrecke zeigten. Basierend auf diesen Ergebnissen schlugen die Forscher vor, dass Krafttraining eine „generalisierbare Therapie“ zur Bekämpfung von Müdigkeit und Muskelschwäche sein könnte.
Kritische Mängel in der Forschung
Trotz der positiven Schlagzeilen hat die wissenschaftliche Gemeinschaft hinsichtlich der Berry-Studie deutliche Bedenken geäußert:
- Fehlende klinische Signifikanz: Der Unterschied in der Gehstrecke zwischen der Trainings- und der Kontrollgruppe lag unter dem zu Beginn der Studie festgelegten Schwellenwert für die „minimale klinische Signifikanz“.
- Homogene Daten vs. unterschiedliche Patienten: In der Studie wurden Personen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen zusammengefasst – von solchen, die sich von intensiven Krankenhausaufenthalten erholten, bis hin zu solchen mit sehr leichten Erstinfektionen. Dadurch entsteht ein „durchschnittliches“ Ergebnis, das möglicherweise keine bestimmte Untergruppe genau darstellt.
- Die fehlende Metrik: Unwohlsein nach Belastung (PEM): Am kritischsten ist vielleicht, dass die Studie das Unwohlsein nach Belastung (PEM)** – die tiefgreifende, schwächende Verschlechterung der Symptome schon nach geringer körperlicher oder geistiger Anstrengung – nicht richtig berücksichtigt.
„Unwohlsein nach einer Belastung ist der verbindende, tiefgreifendste und schwächendste Aspekt von Long COVID“, sagt Danny Altmann vom Imperial College London.
Tatsächlich offenbarte die Berry-Studie einen besorgniserregenden Trend: 67 % der Trainingsgruppe gaben an, dass sie sich nicht innerhalb von ein oder zwei Stunden nach der Aktivität erholen würden, im Vergleich zu nur 49 % der Kontrollgruppe. Dies deutet darauf hin, dass körperliche Betätigung zwar bestimmte körperliche Werte verbessern, das schwächende Kernsymptom der Erkrankung jedoch tatsächlich verschlimmern kann.
Lehren aus der ME/CFS-Kontroverse
Die aktuelle Debatte über Long COVID spiegelt eine jahrzehntelange Kontroverse um Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Müdigkeitssyndrom (ME/CFS) wider.
Im Jahr 2011 veröffentlichte das Lancet die PACE-Studie, die eine „abgestufte Bewegungstherapie“ (allmählich zunehmende Aktivität) förderte. Spätere erneute Analysen ergaben jedoch, dass die Forscher ihre Definitionen von „Verbesserung“ geändert hatten, um die Ergebnisse positiver erscheinen zu lassen. Darüber hinaus deuten die Daten darauf hin, dass die Patienten in der Übungsgruppe einem höheren Risiko für schwerwiegende unerwünschte Ereignisse, einschließlich Krankenhausaufenthalten, ausgesetzt waren.
Aus diesem Grund empfehlen große Gesundheitsorganisationen wie das britische National Institute for Health and Care Excellence (NICE) bei ME/CFS keine abgestuften körperlichen Übungen mehr, sondern raten stattdessen zum „Pacing“ – also zum Energiemanagement innerhalb strenger Grenzen, um Unfälle zu vermeiden.
Der Bedarf an Präzisionsmedizin
Das zentrale Problem besteht darin, dass „Long COVID“ ein Überbegriff für eine Vielzahl von Symptomen und zugrunde liegenden Ursachen ist. Die Auswirkungen von Bewegung hängen wahrscheinlich vom spezifischen „Phänotyp“ eines Patienten ab:
- Viruspersistenz: Einige haben möglicherweise verbleibendes SARS-CoV-2 in ihrem System.
- Fehlregulation des Immunsystems: Andere haben möglicherweise ein überaktives oder fehlwirkendes Immunsystem.
- Mitochondriale Dysfunktion: Einige haben möglicherweise Zellen, die nicht effektiv Energie produzieren können.
Bei Menschen mit Mitochondrienproblemen oder PEM kann sportliche Betätigung schwere Muskelschäden und Stoffwechseldegeneration verursachen.
Fazit
Die medizinische Gemeinschaft steht vor einem heiklen Balanceakt: Während Bewegung vielen hilft, kann sie für diejenigen mit bestimmten Long-COVID-Profilen körperlich schädlich sein. In Zukunft müssen sich Forscher von „Einheitsratschlägen“ verabschieden und sich stattdessen auf die Subtypisierung von Patienten konzentrieren, um sicherzustellen, dass das Streben nach Genesung nicht unbeabsichtigt zu dauerhaften Schäden führt.
