Astronomen haben eine bahnbrechende Visualisierung dessen aufgenommen, was sie den „Atem des Sonnensystems“ nennen. Mithilfe fortschrittlicher Röntgentechnologie haben Forscher das Leuchten kartiert, das entsteht, wenn der Sonnenwind – ein Strom geladener Teilchen von der Sonne – mit der Erdatmosphäre und der Heliosphäre, der schützenden Blase, die unser Sonnensystem umgibt, kollidiert.
Die Wissenschaft des Solarwind-Ladungsaustauschs
Das für dieses Leuchten verantwortliche Phänomen ist als Sonnenwind-Ladungsaustausch bekannt. Dieser Prozess findet statt, wenn schwere Ionen im Sonnenwind, wie Kohlenstoff und Sauerstoff, mit neutralen Atomen in unserer Atmosphäre oder der Heliosphäre kollidieren. Bei diesen Kollisionen „stehlen“ die Ionen den neutralen Atomen Elektronen und setzen dabei Energie in Form von weichen Röntgenemissionen frei.
Diese Entdeckung ist besonders bedeutsam, weil Astronomen diese Emissionen in der Vergangenheit betrachtet haben:
- Vom Rauschen zum Signal: Ladungsaustausch wurde jahrelang als „Hintergrundrauschen“ behandelt – ein Ärgernis, das Messungen der Plasmadichte und -temperatur in entfernten Galaxien störte.
- Ein neues Forschungsgebiet: Durch die Erstellung der bisher klarsten Karte dieser weichen Röntgenstrahlen haben Wissenschaftler dieses Phänomen von einem Hindernis in ein legitimes und faszinierendes Forschungsgebiet verwandelt.
Den Glow mit eROSITA kartieren
Die Daten wurden vom eROSITA-Weltraumteleskop erfasst, das seit seinem Start durch Roskosmos im Jahr 2019 den zweiten Lagrange-Punkt (L2) umkreist – eine stabile Position 1,5 Millionen Kilometer von der Erde entfernt.
Zwischen 2019 und 2021 hat eROSITA den Himmel viermal gescannt und dabei die hochauflösenden Daten geliefert, die zur Unterscheidung zwischen entfernten kosmischen Signalen und lokaler Sonnenaktivität erforderlich sind.
„Wir erkannten, dass [die Variationen] nicht von entfernten galaktischen Strukturen herrühren konnten, die konstant sind, sondern mit einem Phänomen verbunden sein müssen, das viel näher bei uns liegt: dem Ladungsaustausch des Sonnenwinds.“
— Gabriele Ponti, Astronomisches Observatorium Brera
Sonnenzyklen und galaktischen Kontext verstehen
Durch die Isolierung der durch den Sonnenwind verursachten lokalen Strahlung konnten Forscher zwei große wissenschaftliche Ziele erreichen:
1. Eine klarere Sicht auf den Weltraum: Sie haben das „Rauschen“ erfolgreich herausgefiltert und so ein unverändertes Bild der Emissionen entfernter Galaxien ermöglicht.
2. Einblicke in das Sonnenverhalten: Sie erlangten ein detailliertes Verständnis darüber, wie der Sonnenwind schwankt. Die Forschung zeigt, dass diese Röntgenemissionen dem Sonnenzyklus folgen, sich in Zeiten hoher Sonnenaktivität verstärken und während Sonnenminimums schwächer werden.
Diese Verbindung ist für die Heliophysik – das Studium der Sonne und ihrer Auswirkungen auf das Sonnensystem – von entscheidender Bedeutung. Um die „Warmphase“ der Milchstraße und des unsere Galaxie umgebenden Plasmas genau interpretieren zu können, ist es wichtig zu verstehen, wie die Heliosphäre unsere Sicht auf den Röntgenhimmel verändert.
Schlussfolgerung
Durch die Umwandlung einer ehemaligen Beobachtungsstörungsquelle in ein Diagnosewerkzeug können Astronomen nun den „Atem“ des Sonnensystems nutzen, um sowohl die Dynamik unserer Sonne als auch die riesigen Strukturen der Milchstraße besser zu verstehen.



















